Die systematische Hundezucht, wie wir sie heute kennen, begann im 19. Jahrhundert. Damals wurden Hunde erstmals gezielt nach bestimmten äußeren Merkmalen und Verhaltensweisen selektiert, um klar abgegrenzte „Rassen“ zu schaffen. Qualzucht, wie wir sie heute leider täglich auf unseren Straßen sehen, gab es in diesem Sinn im 19. Jahrhundert noch nicht, auch wenn die Rassenbildung nur durch Inzucht möglich war – also durch die Verpaarung eng verwandter Tiere, um gewünschte Merkmale zu festigen. Dadurch kam es zu einer genetischen Verarmung, einem sogenannten Flaschenhalseffekt: Die genetische Vielfalt innerhalb der Population nahm ab und mit ihr die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Erbdefekte.
Während viele Hunderassen ursprünglich für funktionale Aufgaben gezüchtet wurden (Jagd, Hütearbeit, Bewachung), verschob sich der Fokus im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend auf das äußere Erscheinungsbild. Innerhalb von nur etwa 100 bis 120 Jahren haben sich zahlreiche Rassen stark verändert – oft zum Nachteil ihrer Gesundheit.

Ist der nicht niedlich? Brachyzephalie und die Folgen
Der Tierpathologe Prof. Dr. Achim Gruber beschreibt in seinen Arbeiten und Vorträgen, dass viele Hunde inzwischen Merkmale tragen, die nicht mehr mit einem gesunden Körperbau vereinbar sind. Besonders betroffen sind etwa brachyzephale (kurzköpfige) Rassen wie Mops, Französische Bulldogge oder Pekinese. Bei diesen Hunden wurde der Schädel gezielt verkürzt, um ein „Kindchenschema“ zu erzeugen. Was äußerlich niedlich wirkt, führt jedoch zu gravierenden anatomischen Problemen: Weichteile wie Gaumensegel, Zunge und Nasenmuscheln schrumpfen nicht im gleichen Maß mit wie der Schädelknochen. Dadurch bleibt im Nasen-Rachen-Raum zu wenig Platz für einen ungehinderten Luftstrom – die Tiere leiden unter dauerhafter Atemnot.
Diese chronische Ateminsuffizienz hat weitreichende Folgen. Brachyzephale Hunde können ihre Körpertemperatur schlecht regulieren, da sie nicht effektiv hecheln können. In warmen Räumen, etwa in überhitzten Klassenzimmern, steigt das Risiko einer Überhitzung rapide an. Der Hundetrainer Normen Mrozinski weist mittlerweile für seine Seminare darauf hin, dass er brachyzephale Hunde bei Temperaturen über 20 °C von der aktiven Teilnahme ausschließt, da der sogenannte Kühlungseffekt des Hechelns bei diesen Tieren physiologisch eingeschränkt ist.
Weitere problematische Zuchtformen
Auch andere extrem gezüchtete Merkmale führen zu Leiden:
- Übermäßige Faltenbildung (z. B. bei Shar-Peis oder Basset Hounds) begünstigt Hautentzündungen.
- Riesenwuchs (z. B. Deutsche Dogge) führt zu Gelenk- und Herzproblemen sowie einer kurzen Lebensspanne.
- Extrem kleiner Wuchs (z. B. Teacup Pudel, Chihuahua, Zwergspitz) verursacht häufig Zahn- und Wirbelsäulenprobleme und permanente Kopfschmerzen.
All diese Zuchtformen fallen unter den sogenannten Qualzuchtparagraphen (§ 11b des Tierschutzgesetzes), der es verbietet, Tiere zu züchten, wenn dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden für die Nachkommen zu erwarten sind. Die Verhinderung eben solcher Schmerzen, Leiden oder Schäden ist übrigens der Kerngedanke des gesamten deutschen Tierschutzgesetzes. Die Realität ist leider eine ganz andere.
Pädagogischer Einsatz und ethische Verantwortung
Ein Schulhund kann das soziale Klima in einer Klasse positiv beeinflussen, Stress reduzieren und das Verantwortungsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler fördern. Diese Effekte sind wissenschaftlich gut belegt. Gleichzeitig prägt der Hund – bewusst oder unbewusst – die Wahrnehmung seiner Rasse.
Lehrkräfte, die mit einem Hund in der Schule arbeiten, repräsentieren dessen Rasse nach außen. Kinder und Jugendliche erleben das Tier als freundlich, verlässlich oder tröstend; sie verknüpfen positive Emotionen mit seinem Aussehen und Charakter. Wenn es sich dabei um eine Rasse handelt, die unter Qualzuchtmerkmalen leidet, kann dies unbeabsichtigt zur Nachfrage nach genau diesen Hunden beitragen.
Da es heute bei manchen Rassen – etwa dem Mops oder dem Cavalier King Charles Spaniel – praktisch keine gesunden Vertreter mehr gibt, bedeutet diese emotionale Aufwertung letztlich, dass unsere Schüler:innen, als potentiell künftige Hundehalter:innen, Tiere mit diesen gesundheitlichen Einschränkungen bevorzugen könnten, weil sie das äußere Erscheinungsbild mit positiven Erfahrungen verbinden.
Bildung umfasst auch Tierschutz
Das Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen (§ 2) formuliert den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ausdrücklich so, dass Schüler:innen „zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen“ erzogen werden sollen.
Wenn Schulen Tiere in den Unterricht integrieren, sollte dieser gesetzliche Auftrag auch auf die Auswahl der Tiere angewendet werden. Ein Schulhund, der selbst unter Zuchtfolgen leidet und daher physiologisch von Geburt an eingeschränkt ist, kann diesen Bildungsauftrag nicht glaubwürdig verkörpern.
Schulhunde und Qualzucht? – Ein Fazit
Der Einsatz von Schulhunden bietet viele pädagogische Chancen – er sollte jedoch auf einer fundierten ethischen und tierschutzrechtlichen Basis stehen. Rassen, die unter Qualzuchtverdacht stehen, sind aufgrund ihrer eingeschränkten Gesundheit, ihrer Hitzesensibilität und unserer Vorbildwirkung als Lehrkräfte nicht für den Schulalltag geeignet und mit dem Bildungsauftrag vereinbar.
Film-Tipp:
Die aktuelle ARD-Dokumentation des SWR „Leiden auf vier Pfoten. Züchten wir unsere Haustiere kaputt?“ behandelt die Thematik sehr eindrücklich.